Warum ein zweiter Alpennationalpark?

Derzeit herrscht weltweit Konsens, dass Nationalparke eines der wirksamsten Instrumente zur Bewahrung der biologischen Vielfalt darstellen. Der terrestrische Flächenanteil der 16 Nationalparke in Deutschland liegt derzeit lediglich bei 0,6% der Landfläche. In unseren Nachbarländern Frankreich hingegen beträgt der Flächenanteil der Nationalparke 2,2%, in den Niederlanden 3 %, in Italien 5 % und in der Alpenrepublik Österreich 3%. Da Deutschland einen Anteil von 25 % am natürlichen Rotbuchenwaldareal in Europa besitzt und zentral im weltweiten Verbreitungsareal der Rotbuchenwälder liegt, muss es insbesondere mit dem Schutz von unbewirtschafteten Buchenwald-Ökosystemen internationale Verantwortung übernehmen (Panek 2011).

Nationalparke sollen gemäß § 24 Abs. 1 BNatSchG auch der „naturkundlichen Bildung“, die ein wichtiger Baustein einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist, dienen. Mit ihren Einrichtungen und ihrem Angebot leisten Nationalparke (neben Biosphärenreservaten) einen zentralen Beitrag hierzu. Sie erreichen mit ihren überregional bekannten Nationalparkzentren, vielen Führungen und Veranstaltungen sowie Wildniscamps besonders viele Menschen. (Scherfose et al 2013)

Nationalparke generieren Ökosystemleistungen. Neben dem Erhalt der Biodiversität verhindern sie Bodererosion, schützen vor Hochwasser, generieren Trinkwasser und verbessern die Wasserqualität. Gerade Waldnationalparke können aufgrund der Totholzanreicherung und der besseren Waldbodenbildung auch zum Klimaschutz beitragen.

Der Nationalpark-Vorschlag Ammergebirge würde das größte geschlossene Bergmischwald-Vorkommen Deutschlands schützen. Die herausragende Schutzwürdigkeit für das Ammergebirge besteht darin, dass überall dort, wo der Waldtyp „Bergmischwald“ stocken kann, dieser auch im Gebiet vorkommt. Waldsystematisch gehört dieser Bergmischwald (also die Waldgesellschaft des artenreichen Fichten-Tannen-Buchenwaldes auf Kalk, in tieferen Lagen mit höherem Rotbuchenanteil, in höheren Lagen mit höherem Fichtenanteil) zu den Buchen- und Buchenmischwäldern. Die Fläche des Waldmeister-Buchenwaldes im FFH-Gebiet Ammergebirge ist mit über 4000ha mehr als viermal so groß wie im Nationalpark Berchtesgaden.

Das Ammergebirge ist auch als Vogellebensraum international bedeutsam (IBA-Gebiet). Auch hier schlägt das Ammergebirge bei den Brutvorkommen von Steinadler, Wanderfalke, Haselhuhn, Birkhuhn, Rauhfußkauz, Weißrückenspecht und Schwarzspecht deutlich. Insgesamt erreichen 16 Arten im Ammergebirge die IBA-Kriterien, im Nationalpark Berchtesgaden nur 8.

Wildnisgebiete

Die Nationale Strategie der Bundesregierung zur biologischen Vielfalt aus dem Jahre 2007 formuliert das Ziel bis 2020 auf 2 % der Fläche Deutschlands möglichst großräumige Wildnisgebiete, in denen sich Natur ungestört entwickeln kann, zu etablieren und auf 5% der Waldfläche bzw. 10% der Waldfläche der öffentlichen Hand eine nicht vom Menschen beeinflusste Waldentwicklung zuzulassen (BMU 2007)

Aktuell beträgt die Wildnisfläche in Bayern, also der Gebiete, die keinen menschlichen Eingriffen unterliegen, gerade einmal 0,6% der Landesfläche. Gerade große und im bundesweiten Vergleich dünner besiedelte Bundesländer stehen in der Pflicht Wildnisflächen auszuweisen. Besonders geeignet sind Flächen, die aufgrund ihrer Topographie schon heute nur geringen menschlichen Eingriffen ausgesetzt sind wie z.B. das Ammergebirge. Als geeignete Schutzform für großflächige Wildnisgebiete empfiehlt sich ein Nationalpark.

Eigentumsverhältnisse

Der vorgeschlagene Nationalpark Ammergebirge  liegt vollständig im Bereich des Forstbetriebes Oberammergau  der bayerischen Staatsforsten und ist somit in staatlichem Eigentum. Der Forstbetrieb Oberammergau umfasst eine Gesamtfläche von 44.390 Hektar. Der Nationalparkvorschlag umfasst etwa 23 000 Hektar, also etwas über die Hälfte des Forstbetriebes.

Im Naturschutzkonzept des Forstbetriebes Oberammergau steht: Insbesondere im Hochgebirge nehmen die naturnahen Waldbestände (Klasse 1 bis 3) – darunter ausgedehnte alte Bergmischwälder – mit über 11.700 ha etwa 48 % der Holzbodenfläche ein. Im Hochgebirge wurden bereits 1978 Hektar sog. Klasse 1-Wälder aus der Nutzung genommen. Zur naturschutzfachlichen Klasse 2 im Hochgebirge zählen die älteren Bergmisch- und Laubwälder, subalpine Fichtenwälder und Grenzstadien sowie sonstige naturnahe Waldbestände zwischen 140 und 199 Jahren. Die Bestände der Klasse 2 nehmen im FB Oberammergau eine Fläche von etwa 7.300 Hektar ein, dies entspricht fast einem Drittel der Holzbodenfläche im Hochgebirge. Hier soll Totholz angereichert werden. Ältere subalpine Fichtenwälder (505ha) und Grenzstadien (811ha) stehen überwiegend in Hiebsruhe, werden also nicht genutzt.

Aus dem Naturschutzkonzept geht hervor, dass viele wertvolle Teile des vorgeschlagenen Nationalparks Ammergebirge bereits jetzt sehr extensiv oder gar nicht forstwirtschaftlich genutzt werden. Daneben besteht der Forstbetrieb Oberammergau noch aus 8527 ha Offenlandflächen. Im Hochgebirgsbereich sind dabei 730 ha alpine Rasen, 120 ha Geröllhalden, 6562 ha offene Felsbildungen und 50 ha Trockenrasen zu nennen. Auch von diesen, praktisch nutzungsfreien Flächen, liegt ein erheblicher Anteil im vorgeschlagenen Nationalpark.

Die Aufgabe der Nutzung im vorgeschlagenen Nationalpark hält sich damit für die bayerischen Staatsforsten insgesamt in einem finanziell verkraftbaren Rahmen.

Hot Spot der Artenvielfalt

Das Ammergebirge wurde vom Bundesamt für Naturschutz als eines von 30 Hot Spot Gebieten der Artenvielfalt in Deutschland identifiziert.

Ammergebirge, Niederwerdenfelser Land und Obere Isar Fläche (km2): 487,85

Beschreibung: Dieses Teilgebiet des mittleren bayerischen Alpenraums vereint ein großes Spektrum an Lebensraumtypen. Neben weitläufigen und wenig erschlossenen Gebirgslagen des Ammergebirges beinhaltet es vor allem die artenreichsten Talräume der bayerischen Alpen. Herausragende Beispiele in den Tallagen sind gut erhaltene Moorkomplexe (Pulvermoos, Ettaler Weidmoos, Pfrühlmoos), ausgedehnte Alpenmagerwiesen (z.B. Ammertaler Wiesmahdhänge) und Magerrasen mit internationaler Bedeutung (Mittenwalder Buckelfluren), beide oft in enger Verzahnung von Trocken- und Feuchtstandorten. Für die Biodiversität herausragende Sonderstandorte sind Wildflussauen, neben der Isar, auch Loisach, Linder oder Friedergries. Die Wälder weisen einen hohen Anteil naturnaher Waldgesellschaften auf, z.B. Hang-Schluchtwälder im Graswangtal. Aufgrund der klimatischen Begünstigung durch den Föhnstrich findet sich im Niederwerdenfelser Land der Schwerpunkt thermophiler Artvorkommen in den bayerischen Alpen, z.B. in den floristisch und faunistisch reichhaltigen Schneeheide-Kiefernwäldern.

Regionalwirtschaftliche Effekte durch Naturtourismus

Die Nationalparke Deutschlands stellen zumeist echte Destinationen auf dem deutschen Naturtourismusmarkt dar. Insgesamt sorgen die 53,09 Mio. Besuchstage in den 15 untersuchten Nationalparken für einen Bruttoumsatz in Höhe von 2,78 Mrd. €. Dadurch entstehen Einkommen in Höhe von 1,4 Mrd. €, woraus sich 85.472 Einkommensäquivalente errechnen (Job et al 2016).

Die Ergebnisse zeigen, dass Nationalparke neben ihrer hauptsächlichen Funktion im Bereich Naturschutz – dem Erhalt der Biodiversität durch Zulassen sekundärer Wildnis (Prozessschutz) – auch einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Region, hier dargelegt am Beispiel des Naturtourismus, leisten können; insbesondere in den peripher gelegenen, strukturschwachen ländlichen Räumen, in denen sich fast alle deutsche Nationalparke wiederfinden (Job et al 2016).

Der vergleichbare Alpen-Nationalpark Berchtesgaden weist bei 1,6 Mio Besuchstagen einen Bruttoumsatz im Tourismus von 94 Mio. € auf. Daraus ergeben sich über 2000 Einkommensäquivalente für die Region (Job et al 2016).

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste beträgt in Füssen 2,8 Tage, in Oberammergau 3,8, in Berchtesgaden 3,3 und in Schönau am Königssee 4,9, in Zwiesel am NP Bayerischer Wald 6,6 Tage. Durch einen Nationalpark Ammergebirge könnten neue Touristen gewonnen werden, aber auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer verlängert werden.

Widerstand gegenüber dem Nationalpark

Insbesondere der Bauernverband und die alpwirtschaftliche Vereinigung sowie die Privatwaldbesitzer und Waldgenossenschaften lehnen den NP Ammergebirge vehement ab. Als Grund wird vor allem die Vermehrung des Borkenkäfers genannt. Auch der Gemeinderat von Schwangau hat sich gegen einen Nationalpark ausgesprochen. Die bayerischen Staatsforsten sind ebenfalls gegen einen Nationalpark. Vehemente Gegner sind auch die Freien Wähler vor Ort.

Unterstützer des Nationalparks

Wichtigste Unterstützer ist der Förderverein Nationalpark Ammergebirge, der engagiert über den NP aufklärt und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. http://initiative-nationalpark-ammergebirge.de/Joomla/   Daneben wird der Nationalpark von Greenpeace und den örtlichen Grünen unterstützt.

Fazit:

Das Ammergebirge eignet sich aufgrund seiner Größe, unzerschnittener Naturräume, wertvoller Artausstattung und der öffentlichen Besitzstruktur hervorragend für die Einrichtung eines Nationalparks.

Aufgrund der herausragenden Bergmischwälder unterscheidet es sich vom Alpennationalpark Berchtesgaden und ergänzt ihn bezüglich des Schutzziels „Erhalt der Buchenwälder“.

Bereits jetzt sind weite Gebiete aufgrund ihrer Topographie oder ihrer naturschutzfachlichen Bedeutung nicht genutzt, so dass mindestens ein Viertel der vorgeschlagenen Fläche bereits Wildnischarakter besitzt.

Der vergleichbare Alpennationalpark Berchtesgaden bringt nach Untersuchungen mindestens 2000 Arbeitsplätze für die Region. Ein Nationalpark Ammergebirge, der zusammen mit den Königsschlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau zu sehen ist, könnte die Wertschöpfung in der Region für den Tourismus durch längere Übernachtungszeiten und neue Gastsegmente weiter erhöhen.                                                               Dr. Klaus Kuhn

2016-10-11T10:29:20+00:00 27. September 2016|Presse|0 Kommentare

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